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Keine Migräne

Migräne ist die dritthäufigste Krankheit der Welt. Sie ist verbreiteter als Diabetes, Epilepsie und Asthma zusammen und aus heutiger Sicht nicht heilbar. Betroffene müssen also lernen, mit dem Unausweichlichen umzugehen. Wer sich allerdings auf die Suche nach den Auslösern der Krankheit macht, kann oft Linderung finden. In vielen Fällen sehen die betroffenen Menschen Nahrungsmittel intuitiv als Auslöser für ihre Migräneattacken an. Die Medizin hat dazu aber keine einheitliche Meinung, denn die Wirkungen von Nahrungsmitteln und Getränken in diesem Zusammenhang sind nur schwer nachzuweisen. Könnte die richtige Ernährung Migräne vorbeugen und lindern?

MIGRÄNE IST SO EIN RIESENARSCHLOCH

Der Feind im eigenen Kopf

Ein charakteristisches Kennzeichen von Migräne sind unerträgliche Kopfschmerzen. Manchmal gehen sie vom Hinterkopf aus und breiten sich dröhnend langsam über den gesamten Schädel aus. Oder sie ziehen von den Schläfen herauf und entladen sich nach allen Seiten wie ein Nervengewitter. Jede Bewegung wird zur Qual und Betroffene spüren schmerzhaft, wie die Adern in ihrem Kopf pulsieren. Viele beschreiben den Schmerz, als würden ihnen Stacheldrähte durch das Hirn gezogen oder als sei ihr Kopf in einem Schraubstock eingeklemmt, der immer fester zugezogen werde. Den meisten hilft dann nur eins: absolute Ruhe. Sie ziehen sich zurück, schließen die Vorhänge und hüten das Bett. Mit Glück ist die Migräne-Attacke nach einigen Stunden vorbei, mit Pech hält sie noch einige Tage an. Was bleibt sind Angst und Unsicherheit, wann der Presslufthammer im eigenen Kopf zurückkehrt und einem das Leben wieder zur Hölle macht.

 

Ursache und Auslöser

Bei einer Migräne-Erkrankung kann man zwischen Ursache und Auslöser klar unterscheiden. Mediziner wissen heute, dass Migräne-Patienten eine entsprechende Veranlagung in sich tragen – und zwar sowohl in ihren Genen, als auch in ihrem individuellen Darmmikrobiom. Ganz allgemein kann man sagen, dass die Gehirne der Betroffenen aufgrund dieser Veranlagung empfindlicher reagieren als die Gehirne gesunder Menschen.

Kommt es zu einer Migräne-Attacke, wird ein bestimmter Bereich des Hirnstamms in einen hyperaktiven Zustand versetzt.[1] Dieses sogenannte Migräne-Zentrum regt daraufhin Fasern des Trigeminus-Nervs an, dessen Verästelungen das gesamte Gehirn durchziehen. Die Folge: Eine Weitung der Blutgefäße, verbunden mit erhöhter Durchlässigkeit der Gefäßwände. Auf diese Weise können Substanzen, die Entzündungen fördern, ganz leicht in alle Bereiche des Gehirns gelangen.

Die Folge können stellenweise Entzündungen des Hirngewebes und der Hirnhäute sein. Sie lösen die Schmerzen aus, die die Betroffenen während einer Migräne-Attacke spüren. Die Empfindlichkeit dieser Bereiche ist dann so extrem gesteigert, dass sogar der eigene Puls heftige Schmerzen auslösen kann.

 

Detektiv in eigener Sache

Jede Migräne-Attacke entsteht unter bestimmten Umständen und wird von individuellen Faktoren ausgelöst – sogenannten Triggern. Kennt man seine persönlichen Trigger, kann man sie vermeiden, rechtzeitig zum richtigen Schmerzmittel greifen und Migräne-Attacken so besser kontrollieren. Doch von schätzungsweise 13 Millionen Menschen, die allein in Deutschland im Laufe ihres Lebens an Migräne leiden, kennt nur jeder zweite die Ursache seiner Qualen.

Ein bewährtes Mittel auf der Suche nach dem persönlichen Trigger ist ein detailliertes Kopfschmerz-Tagebuch. Darin hält man genau fest, wann es in welchem Ausmaß zu Beschwerden gekommen ist und dokumentiert die Begleitumstände: Was hat man gegessen? Stand man am betreffenden Tag besonders unter Stress? Hat sich das Wetter schlagartig geändert? Nach einer Weile kann man daraus ablesen, welche Faktoren sich auf die Häufigkeit und Ausprägung der Migräne-Attacken auswirken.

 

Ablauf einer Migräne-Attacke [2]

Die einzelnen Phasen einer Migräne-Attacke laufen in unterschiedlichen Regionen des Gehirns ab. Erste Vorboten nimmt der Betroffene im Frontalhirn wahr. Dort liegen die Zentren für bestimmte Stimmungsempfindungen. Werden diese Areale vor der eigentlichen Attacke aktiviert, fühlen sich manche Menschen depressiv, reagieren gereizt oder werden euphorisch. Dabei spüren sie oft ein unwiderstehliches Verlangen nach Süßigkeiten. Der Grund: Die plötzlich übermäßig aktivierten Hirnareale müssen mit Energie versorgt werden. Die holt sich das Gehirn in Form von Kohlenhydraten, indem es starkes Verlangen nach Süßem suggeriert. Setzt danach irgendwann die Migräne-Attacke ein, machen Betroffene oft die Schokolade dafür verantwortlich, die sie kurz zuvor gegessen haben.

Der Schmerz hat seinen Ursprung im Hirnstamm. Dort liegen Zentren, die den Kopfschmerz kontrollieren und unbedeutende Reize herausfiltern. Diese Filterfunktion ist wichtig, damit nicht jede noch so kleine Berührung gleich als Schmerz empfunden wird. Bei Menschen, die an Migräne leiden, ist dieser Filter defekt. Den Betroffenen fehlt der Botenstoff Serotonin, der für die Dämpfung der unzähligen Schmerzimpulse zuständig ist. Die Folge: Die Schmerzhemmung im Gehirn ist ausgeschaltet, Reize aus dem Gesichts- und Kopfbereich gelangen ungehindert zum Hirnstamm und werden dort als Schmerz identifiziert.

Nehmen diese Schmerzreize zu, schüttet der Hirnstamm Botenstoffe aus. Diese Neuropeptide lösen an den Innenwänden der Blutgefäße Entzündungen aus. Dadurch werden die schmerzempfindlichen Hirnhäute stärker durchblutet, die Blutgefäße dehnen sich und werden durchlässiger. So können Entzündungsbotenstoffe auch ins umgebende Gewebe fluten und der Kopfschmerz wird unerträglich. Warum diese quälenden Attacken irgendwann wieder aufhören, ist bislang ungeklärt.

 

Die Darm-Hirn-Achse

Egal ob wir Schmetterlinge im Bauch haben oder uns etwas auf den Magen schlägt: Jeder kennt Situationen, in denen unser Bauchgefühl das Kommando übernimmt. Seit einigen Jahren wird die Verbindung zwischen unserem Gehirn und unserem Magen-Darm-Trakt – die sogenannte Darm-Hirn-Achse – auch wissenschaftlich intensiv untersucht. Dabei wird immer deutlicher, welchen Einfluss unser Verdauungssystem auf unser Denken, Fühlen und Handeln hat. Denn der Magen-Darm-Trakt und unser Gehirn kommunizierten miteinander – und zwar sehr intensiv und sogar wechselseitig. Das heißt, der Darm erhält nicht nur Anweisungen vom Gehirn, sondern sendet auch selbst Signale dorthin.

Patienten mit einer Fruktose-Unverträglichkeit neigen besonders häufig auch zu Depressionen. Die Ursache dürfte eine gleichzeitig geringe Aufnahme der essentiellen Aminosäure Tryptophan sein. Aus Tryptophan stellt das Gehirn Serotonin her. Die Störung dieser Synthese dürfte das Depressionsrisiko erhöhen.

 

Wie Zucker krank macht

Vieles spricht dafür, dass ein hoher Zuckerkonsum nicht nur Depressionen, sondern auch andere schwere Krankheiten mitverursachen kann. Häufige Mechanismen, die vom Zuckerkonsum zur Depression führen:[3]

  • Hoher Zuckerkonsum senkt die Ausschüttung von brain-derived neurotrophic factor (BDNF): BDNF ist ein wichtiger Wachstumsfaktor im Gehirn. Ein Mangel führt zu Hirnschrumpfung und Depression.
  • Hoher Zuckerkonsum stumpft das Hirnbelohnungssystem ab. Die Dopamin-Ausschüttung wird geringer. Freudlosigkeit und Interessensverlust sind die Folge.
  • Hoher Zuckerkonsum führt zu einer Aktivierung des Entzündungssystems. Die übermäßige Insulin-Ausschüttung spielt dabei eine relevante Rolle. Ein aktiviertes Entzündungssystem fördert die Depression.
  • Das Stresshormon Cortison steigert die Blutzuckerkonzentration. Stress in Kombination mit hohem Zuckerkonsum wirkt sich besonders negativ auf BDNF, Dopamin, Insulinresistenz und Entzündungen aus.

 

Das Migräne-Puzzle

Häufig sind Betroffene davon überzeugt, dass ihre Migräne-Attacken durch bestimmte Nahrungsmittel ausgelöst werden. Die Medizin hat dazu aber keine einheitliche Meinung. Grund dafür dürfte sein, dass die Wirkungen von Nahrungsmitteln und Getränken nicht einfach nachzuweisen sind. Denn dabei spielen nicht nur bestimmte Inhaltsstoffe eine Rolle, sondern auch Mengen, Kombinationen, die Tageszeit der Aufnahme und die sonstige körperliche Verfassung. Es gibt keine einfache Wenn-Dann-Beziehung – nur ein kompliziertes Puzzle mit zahllosen Teilen. Die Aufgabe: bei jedem Betroffenen individuell herauszufinden, welche Faktoren auf welche Weise dazu beitragen, dass die individuelle Toleranzschwelle überschritten wird. Wenn Lebensmittel also für eine Migräneattacke mitverantwortlich sein können, müssen sie dann nicht auch dazu beitragen können, dass diese Attacken verschwinden?

 

[1] https://www.aspirin.de/schmerzen/migraene/

[2] Kirsten Milhahn, Was gegen das Gewitter im Kopf hilft, Interview mit Professor Dr. med. Stefan Evers, https://www.stern.de/gesundheit/kopfschmerz/ueberblick/migraene–was-gegen-das-gewitter-im-kopf-hilft-3272830.html

[3] Gregor Hasler, Die Darm-Hirn-Connection, 2019

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